Mit verbundenen Augen

Unknown
Foto: Devi Mahesan, 2015 via youthconnect.in ©

Jeden Tag wache ich auf, höre die Müllabfuhr durch die Straße fahren und bin wahnsinnig genervt von ihr, ich sehe die Sonne scheinen und wenn ich aufstehe um zu duschen fühle ich das Wasser auf meiner Haut. Ich schmecke beim Zähneputzen den frischen Pfefferminzgeschmack der Zahnpasta und den ekeligen Geschmack wenn ich gleich darauf Orangensaft trinke. Und wenn ich mich fertig mache rieche ich den frischen Geruch meiner Wäsche und den Duft meines Parfüms. Keines dieser Dinge mache ich bewusst und ich schätze nichts davon je wirklich Wert. Doch ich mag mir nicht vorstellen wie es wäre wenn ich eins dieser Dinge nicht tun könnte.

Als ich gestern auf dem Nachhauseweg von der Uni war fragte mich eine junge Frau ob das die Bahn in Richtung Niendorf sei, sie wäre die Strecke noch nicht oft gefahren. Zuerst war ich verwirrt, weil wir direkt vor einer riesigen Anzeigetafel standen, auf der das deutlich zu lesen war. Was ich jedoch nicht merkte – die Frau war blind, sie war nicht in der Lage das Schild zu lesen. Sie stieg mit mir zusammen in die Bahn und obwohl es mir wahnsinnig unangenehm war fragte ich sie, ob sie mir etwas über sich erzählen würde.

Clara ist 34 Jahre alt und eine wunderschöne Frau! Sie ist groß und schlank, trägt langes braunes Haar und hat ein unfassbar sympathisches Lächeln. Es war kein Problem für sie über ihr Handicap zu sprechen und es hat mich unglaublich fasziniert wie selbstbewusst sie ist. Clara ist schon blind zur Welt gekommen, wie sie sich die Welt vorstellt kann sie mir nicht wirklich sagen.

„Natürlich habe ich irgendwie meine Vorstellungen wie das alles da draußen aussieht, aber ich kenne es nicht anders und das ist wahrscheinlich der Grund warum ich gut damit leben kann.“

Seit ein paar Jahren ist sie verheiratet. Ihr Mann war lange Zeit ihr behandelnder Arzt. Auf die Frage ob es nicht komisch sei nicht zu wissen wie der Mensch aussieht den man liebt antwortet Clara mir etwas, was mich wahnsinnig berührt hat:

„Ja manchmal wünsche ich mir schon, dass ich sehe wie er mich verliebt anguckt. Und ja manchmal wüsste ich schon gerne wie er aussieht, aber das ist es nicht worauf es ankommt. Philipp hat mich genommen und liebt mich heute, wie ich bin. Er ist mein bester Freund, mein Beschützer und die Liebe meines Lebens. Es macht keinen Unterschied wie er aussieht, denn das ist nicht das, was ich an ihm liebe. Er könnte der hässlichste Mann auf der Welt sein und wäre trotzdem für mich der Schönste, weil er einen tollen Charakter hat. Das ist, was ihn für mich schön macht.“

Ihren Alltag regelt Clara weitestgehend alleine. In einigen Dingen braucht sie Hilfe, aber vieles hat sie sich über Jahre antrainiert.

„Wenn ich mich morgens anziehe kann ich fühlen welcher Pullover der weiße und welche Hose die blaue ist. Die Schritte bis zur U-Bahn und von dort aus zur Arbeit habe ich gezählt und mir gemerkt. Ich kann auch einen ganz normalen Beruf ausüben. Mein Tastsinn ist im Gegensatz zu anderen Menschen besonders stark ausgeprägt.“

Vor ein paar Jahren hat ihr Mann ihr den Beruf der medizinischen Tastuntersucherin, auch MTU genannt, vorgeschlagen. Ein bislang nur für sehbehinderte Frauen angebotener Beruf, bei dem es um die Früherkennung von Brustkrebs geht. Clara erzählt mir sie habe eine 9-monatige Ausbildung absolviert, könne heute schon kleinste Veränderungen in der Brust erkennen. Sie ist froh, dass sie arbeiten kann und damit anderen Menschen hilft.

Auf meine Abschlussfrage, ob sie einen besonderen Wunsch im Leben hat antwortet sie mir:

„Jeder Mensch stellt mir diese Frage. Und jeder erwartet, dass ich sage ich möchte sehen können. Ja sicherlich wäre das toll, aber die Hoffnung haben Ärzte mir schon lange genommen. Wieso soll ich mir etwas wünschen, von dem ich hundertprozentig weiß, dass es nicht passieren wird. Ich bin glücklich im Leben, das ist was für mich zählt. Aber es gibt eine Sache, die ich einmal wahnsinnig gerne machen würde… Skifahren. Ich liebe den Winter und ich liebe Schnee. Ich glaube das muss ein unglaubliches Gefühl sein.“

Meine Begegnung mit Clara am gestrigen Tag hat mich wirklich bewegt. Ich bewundere wie viel Lebensmut diese Frau hat, obwohl sie im Leben oft zurückstecken musste und noch heute muss. Es steht mir nicht zu mir vorzustellen, wie es wäre wenn es mir so ginge. Das einzige was ich möchte ist dir zu danken Clara. Dafür, dass du den Menschen auf dieser Welt zeigst, was es bedeutet glücklich zu sein und dass Glück nicht zwangsläufig von Geld, Erfolg oder in deinem Fall Gesundheit abhängt. Dafür, dass du mir mal wieder die Augen für die kleinen Dinge im Leben geöffnet hast!

Ich wünsche mir für dich, dass dein Wusch sich erfüllt und noch viele weitere Dinge, die du dir für dein Leben erträumst. Und ich hoffe sehr, dass dein Mann dir das hier vorliest. Du bist eine bewundernswerte Frau!

2 thoughts on “Mit verbundenen Augen

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  1. Ich muss sagen, ich bin wirklich berührt. Diese Frau hat eine Sicht auf die Welt, die uns wohl immer verborgen bleiben wird. Sie kann sehen, was wir nur selten wahrnehmen: den reinen Charakter einer Person, unabhängig welche Hautfarbe, welches Alter, welche Kultur oder welchen Körperschmuck diese hat.
    Würde es mehr Menschen geben, die wie Clare offen über ihr Handicap reden würden und mehr Menschen, die wie Du sich trauen würden zu fragen, wäre die Welt ein klein wenig besser, allein schon weil Menschen sich viel besser verstehen würden.

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    1. Danke Manon für den wunderschönen Kommentar! Ich sehe es genauso wie du und das ist der Grund warum ich diesen Blog schreiben möchte. Damit die Menschen einander verstehen. Damit sie sich trauen miteinander zu sprechen, unabhängig davon welcher Nation sie angehören oder an welche Religion sie glauben. Denn im Grunde genommen sind wir alle gleich. Egal ob gesund oder krank. Deutsch oder Spanisch. Dick oder dünn.
      Es freut mich, dass das was ich hier schreibe und berichte nicht nur für mich inspirierend ist, denn das ist es was mich motiviert weiter zu machen!

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